Service Learning im Naturschutz: Wenn Draussenlernen Wirkung zeigt
Lernen findet nicht nur im Klassenzimmer statt. Besonders eindrücklich wird es, wenn Wissen mit praktischem Handeln zusammenkommt und Schülerinnen und Schüler erleben, dass ihr Einsatz tatsächlich etwas bewirkt.
Service Learning ist eine Lehr- und Lernmethode, die gesellschaftliches Engagement, den «Service», mit der Förderung fachlicher und überfachlicher Kompetenzen, dem «Learning», verbindet. Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit einer realen Aufgabe ausserhalb der Schule und verknüpfen diese Erfahrung mit dem Unterricht.
Für den Naturschutz bietet dieser Ansatz viele Möglichkeiten. Lebensräume brauchen Pflege, invasive Pflanzen müssen zurückgedrängt, Hecken aufgewertet oder Kleinstrukturen für Tiere geschaffen werden. Die Jugendlichen arbeiten an Aufgaben, die tatsächlich notwendig sind und ein konkretes ökologisches Ziel verfolgen.
Draussen lernen und Zusammenhänge verstehen
Warum muss eine Hecke gepflegt werden? Warum braucht es manchmal menschliche Eingriffe, um wertvolle Lebensräume zu erhalten? Und wie profitieren wir Menschen selbst von einer intakten Umwelt und einer hohen Biodiversität?

Im Schulzimmer lassen sich diese Fragen theoretisch behandeln. Draussen werden viele Zusammenhänge unmittelbar erfahrbar. Ein schattiger Standort, ein feuchter Boden oder Insekten an einer blühenden Hecke bieten konkrete Ausgangspunkte, um über die Bedeutung funktionierender Ökosysteme zu sprechen: für Kühlung an heissen Tagen, sauberes Wasser, Bestäubung oder unseren eigenen Erholungsraum.
Beim Draussenlernen wird die Umgebung selbst zum Lernort. Schülerinnen und Schüler beobachten, entdecken und stellen Fragen. Beim praktischen Naturschutz gestalten sie den Lebensraum zudem aktiv mit. Dabei geht es nicht nur darum, eine Arbeit zu erledigen. Entscheidend ist, dass sie verstehen, weshalb diese notwendig ist und was damit erreicht werden soll.
Lernen an einer realen Aufgabe

Wer selbst einen Asthaufen gebaut und damit einen Lebensraum aufgewertet hat, nimmt seine Umgebung danach oft anders wahr. Die Jugendlichen erleben, dass sie etwas beitragen können und ihre Arbeit auch ausserhalb des Schulzimmers Bedeutung hat. Dabei werden Kompetenzen gefördert, die über biologisches und ökologisches Fachwissen hinausgehen. Gemeinsam Lösungen finden, Verantwortung übernehmen, zusammenarbeiten und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen gehören genauso dazu.
Eine wichtige Rolle spielt die Mitgestaltung. Wo es die Aufgabe und die Sicherheit erlauben, sollen die Jugendlichen eigene Ideen einbringen und Entscheidungen mittragen können. Sie können beispielsweise geeignete Standorte für Kleinstrukturen mit auswählen, Aufgaben in der Gruppe verteilen oder überlegen, wie sie die Veränderungen dokumentieren möchten.
Wann wird daraus Service Learning?
Nicht jeder Naturschutzeinsatz ist automatisch Service Learning. Entscheidend ist, dass Engagement und Lernen bewusst miteinander verbunden werden. Dazu gehören konkrete Lernziele, die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler sowie die gemeinsame Reflexion ihrer Erfahrungen.
Das kann bereits mit einfachen Mitteln gelingen. Eine Klasse beschäftigt sich vor dem
Einsatz mit einem Lebensraum oder einer ökologischen Fragestellung. Gemeinsam mit der Lehrperson klärt sie, was sie herausfinden und lernen möchte. Vor Ort verbindet sich diese Vorbereitung mit einer praktischen Aufgabe.
So könnte eine Klasse beispielsweise untersuchen, welche Verstecke und Rückzugsorte eine Hecke für Tiere bietet. Gemeinsam mit einer Fachperson überlegt sie, wo ergänzende Asthaufen sinnvoll sind, und legt diese anschliessend an. Die Jugendlichen dokumentieren die Arbeit und erläutern, für welche Tiere dadurch geeignete Strukturen entstehen. Im Unterricht werden die Beobachtungen und Erfahrungen aufgegriffen und eingeordnet.

Was haben wir verändert? Welche Tiere oder Pflanzen können davon profitieren? Was wird vielleicht erst später sichtbar? Wie profitieren auch wir Menschen von intakten Ökosystemen? Welche unterschiedlichen Interessen spielen eine Rolle? Und wie haben wir als Gruppe zusammengearbeitet?
Auch die Anerkennung der geleisteten Arbeit gehört dazu. Wenn die Klasse ihre Ergebnisse etwa in einer Fotodokumentation oder einer Präsentation mit anderen teilt, werden ihr Beitrag und ihre Lernerfahrungen sichtbar.
Vom einzelnen Einsatztag bis zur Lagerwoche
Schon ein einzelner Naturschutztag bietet Gelegenheit, einen Lebensraum kennenzulernen und gemeinsam an einer konkreten Aufgabe zu arbeiten. Mit einer passenden Vor- und Nachbereitung im Unterricht lässt sich auch ein kurzer Einsatz in einen grösseren Lernprozess einbetten.
Während einer Lager- oder Projektwoche entsteht mehr Raum für die Auseinandersetzung mit einem Gebiet. Die Klasse kann den Fortschritt der eigenen Arbeit verfolgen, Fragen vertiefen und zunehmend Verantwortung übernehmen. Praktische Naturschutzarbeit, Umweltbildung, Naturerfahrungen und gemeinsame Reflexion ergänzen sich dabei.
Natur tut auch uns gut
Eine intakte Natur ist nicht nur ökologisch wertvoll. Zeit draussen kann auch einen positiven Beitrag zu unserem Wohlbefinden leisten. Bewegung, frische Luft, Naturerfahrungen und gemeinsame Erlebnisse schaffen einen willkommenen Ausgleich zum oft stark getakteten und digitalen Alltag.

Bei der praktischen Arbeit sind Kopf und Hände mit einer konkreten Aufgabe beschäftigt. Es gibt Phasen körperlicher Aktivität, aber auch Momente der Ruhe, Konzentration und bewussten Wahrnehmung der Umgebung. Gerade bei längeren Einsätzen und Lagerwochen kann diese andere Form des Lernens und Zusammenseins für eine Klasse besonders wertvoll sein.
BNE, Lehrplan 21 und Lernen ausserhalb des Schulzimmers
Service Learning lässt sich gut mit Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und dem Lehrplan 21 verbinden. Die Jugendlichen beschäftigen sich mit ökologischen Zusammenhängen, setzen sich mit unterschiedlichen Interessen auseinander und erproben eigene Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig üben sie Zusammenarbeit, Selbstständigkeit und die Übernahme von Verantwortung.
Draussen zu unterrichten bringt für Lehrpersonen auch organisatorische Fragen mit sich: Welche Arbeiten passen zum Alter der Klasse? Wie lässt sich der Einsatz mit den Lernzielen verbinden? Welche Ausrüstung braucht es und wie wird die Sicherheit gewährleistet?
Klare Informationen zu Ablauf, Lernzielen, Kleidung und Sicherheitsvorkehrungen schaffen Orientierung – für Lehrpersonen ebenso wie für Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern. Erfahrene ausserschulische Partner können Schulen bei der Planung und Durchführung unterstützen und entlasten.
Naturnetz als Praxispartner für Schulen
Naturnetz verbindet seit vielen Jahren praktische Naturschutzarbeit mit Umweltbildung. Unsere Fachpersonen bringen ökologisches Wissen ebenso mit wie pädagogische Erfahrung in der Arbeit mit Schulklassen. Sie kennen die Einsatzorte, beurteilen Risiken, wählen geeignete Arbeiten aus und schaffen einen Rahmen, in dem Schülerinnen und Schüler sicher und altersgerecht mitarbeiten können.
Wir bringen reale Naturschutzaufgaben, Fachwissen, Werkzeug und Erfahrung in der Organisation von Einsatztagen und Lagerwochen ein. Lehrpersonen verknüpfen den Einsatz mit ihren Unterrichtsthemen und Lernzielen und gestalten die Vor- und Nachbereitung mit der Klasse.

So wird Draussenlernen für Lehrpersonen gut planbar und lässt sich sinnvoll mit Service Learning, BNE und dem Lehrplan 21 verbinden. Lebensräume werden aufgewertet und die Schülerinnen und Schüler erfahren, wie Wissen und gemeinsames Handeln zusammenwirken können.
Mit der Schulklasse anpacken und Wirkung erleben
Ob einzelner Einsatztag oder Lager- und Projektwoche: Naturnetz unterstützt Schulen dabei, praktische Naturschutzarbeit und Lernen miteinander zu verbinden.
Auch ausserhalb der Schule gibt es Möglichkeiten, sich für die Biodiversität einzusetzen: zum Beispiel bei einem Umwelteinsatz mit dem Team oder während eines Zivildiensteinsatzes beim Naturnetz.
Autor:
Joris Schenker, Leiter Umweltbildung Naturnetz

