Früh-, Staffel- und Mosaikmahd: Was sie unterscheidet und wie wir die Artenvielfalt damit gezielt unterstützen können
Es ist der 15. Juni, das Wetter ist sonnig und die Temperaturen erreichen rund 23°C. Und wie jedes Jahr kann ich ein typisches Phänomen beobachten: Ein Grossteil der Landwirte nutzt das Wetter und macht sich daran ihre Biodiversitätsförderflächen zu mähen. Was für uns normal und verständlich erscheint, hat aus faunistischer und floristischer Sicht jedoch einschneidende Folgen.

Die Mahd und ihre Herausforderungen
Mit dem Begriff “Mahd” wird sowohl der Vorgang des Mähens als auch das Produkt selbst, das gemähte Gras, bezeichnet. Bei den Flächen, die wir zusammen mit den Zivis mähen, handelt es sich um magere und artenreiche Standorte, die ohne unser Zutun natürlicherweise zunehmend verbuschen würden. Durch das Mähen und Abtransportieren des Materials sorgen wir dafür, dass sich das abgestorbene Pflanzenmaterial nicht zersetzt und den Boden zusätzlich mit Nährstoffen anreichert.
Obwohl die sachgerechte Pflege für kantonale Naturschutzfachstellen eine hohe Priorität hat, haben sich die Bestände bedrohter Arten in den letzten Jahrzehnten teilweise trotzdem verschlechtert. Mögliche Ursachen sind Stickstoffeinträge in Kombination mit einem milderen Klima, so dass nährstoffarme Standorte zunehmend wüchsiger werden.
Eine Herausforderung bei der Mahd ist besonders die Wahl des Schnittzeitpunktes. An den meisten Standorten in der Schweiz ist es sinnvoll zweimal pro Jahr zu mähen, bei nährstoffreichen Wiesen kann gar dreimal gemäht werden, um sie auszumagern. Da es den Landwirten gemäss den Direktzahlungsverordnungen untersagt ist, ihre Biodiversitätsförderflächen vor dem 15. Juni zu mähen, erfolgt der erste Schnitt bei einem Grossteil der Wiesen in der Schweiz am ersten Schönwettertag. Dies hat zur Folge, dass das Nahrungsangebot und die Versteckmöglichkeiten für Insekten auf einmal stark dezimiert werden. Ausserdem hat man eine nachteilige Wirkung dieses Schnittzeitpunktes auf die Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa) und die wilde Möhre (Daucus carota subsp. carota) beobachtet: Beide sind kaum mehr auf Mähwiesen anzutreffen.

Möglichkeiten zur Förderung der Artenvielfalt
Eine mögliche Lösung, um den Verlust an Arten zu verhindern, stellt eine (zusätzliche) Frühmahd dar, da so der grasige Aufwuchs vermindert und die Fläche ausgemagert wird. Auch ein gestaffelter und mosaikartiger Schnitt wirkt sich positiv auf die Vielfalt von Fauna und Flora aus.
Frühmahd
Die Frühmahd nehmen wir zwischen Mitte und Ende April vor. Zu diesem Zeitpunkt sind vor allem mehrjährige Gräser dominant, während etliche Blumen noch keinen Stängel gebildet haben. Gräser wie die Aufrechte Trespe (Bromus erectus) und das Pfeifengras (Molinia caerulea) werden durch eine Frühmahd geschwächt, während niederwüchsige und typische Arten nährstoffarmer Standorte profitieren. Eine laufende Studie der Hintermann & Weber AG stellte im ersten Untersuchungsjahr fest, dass die Vegetationshöhe auf Flächen mit Frühmahd um 25 % reduziert ist. Dies bewirkt ein höheres Lichtangebot sowie höhere Lufttemperaturen in Bodennähe. Weiter zeigten sich die Frühmahd-Flächen deutlich blühfreudiger und wiesen im Hochsommer beinahe doppelt so viele Blüten auf wie die Vergleichsflächen. Die Ergebnisse sind aber noch nicht endgültig.
Staffel- und Mosaikmahd
Da das Mähen einer Wiese einen schwerwiegenden Eingriff für die verschiedenen Tierarten bedeutet, ist es empfehlenswert den Eingriff so gering wie möglich zu halten und nicht die ganze Fläche auf einmal zu mähen. Bei einer gestaffelten Mahd bewirtschaften wir eine Fläche zeitlich versetzt, damit unterschiedlich alte Vegetationsstufen entstehen und nicht der ganze Lebensraum auf einmal wegfällt. Dies wirkt sich nachweislich biodiversitätsfördernd aus: Je stärker gestaffelt, desto besser. Für die Staffelung orientieren wir uns an der folgenden Faustregel: ¼ der Wiese wird mit einem Frühschnitt zwischen Mitte und Ende April gemäht, ½ der Wiese ab Mitte Juni und ¼ ab Mitte Juli.
Optimalerweise entsteht bei einem Eingriff auf einer Wiese ein kleinflächiges Mosaik aus gemähten und ungemähten Flächen, damit die wiesenbewohnenden Tiere in den kleinen Blühinseln weiterhin Lebensraum und Nahrung finden. Wir belassen dabei sogenannte Rückzugsstreifen von mindestens 10% bis zu 20 % der Gesamtfläche, wobei sich diese (wenn möglich) mit den Teilflächen der gestaffelten Mahd überschneiden. Des Weiteren versuchen wir darauf zu achten, dass zwei benachbarte Rückzugsstreifen nie mehr als 30 m voneinander entfernt sind.
Fazit
Einen optimalen Zeitpunkt für die Mahd, der für alle Pflanzen- und Tierarten passt, gibt es nicht. Je nach Zeitpunkt profitieren andere Arten. Bei der Wahl der Nutzungszeitpunkte versuchen wir also den Vegetationstyp, die Produktivität des Standortes und unsere Zielvorstellungen für die betreffende Fläche zu berücksichtigen: Je nach Schnittzeitpunkt können wir nämlich bewusst bestimmte Arten fördern. Mit Hilfe der Staffelung und Mosaik-Mahd tragen wir zusätzlich dazu bei, dass auf einer Wiese die verschiedenen Arten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien vorkommen und so gleichzeitig das Nahrungs- und Versteckangebot für die Fauna gegeben ist.
Unsere Wiesen gestaffelt und mosaikartig zu mähen ist mit einer sorgfältigen Planung verbunden. Was nach einem Mehraufwand klingt, ist ein Mehrwert für die Natur und zeigt, wofür der Verein Naturnetz steht: Fachlich fundiertes Handeln und den Einsatz für wertvolle Lebensräume.
Autorin:
Carol Wyss
Quellen
Agrinatur (2025): Wildtierschonende Mahd, Schweiz.
Amt für Landschaft und Natur Kanton Zürich (2017): Gestaffelte Mahd, Zürich.
ANL Bayern: Was sind die Effekte von Frühmahd und Frühbeweidung auf die Artenvielfalt insbesondere auf seltene Arten? (Forschung für die Praxis), Bayern.
Blühendes Österreich (2026): Bauernlexikon: Mahd / Schnitt / Mähen / Mähgut, Österreich.
Bosshart et al (2023): Grünland /Erhaltung und Aufwertung durch optimierte Bewirtschaftung, Schweiz.
Bühler C. und Birrer S. (2022): Begünstigt eine Vornutzung die Artenvielfalt?, N+L Inside 3/24, Schweiz.
Förderverein Natur im Siedlungsraum (2022): Merkblatt Mähen, Zürich.
Hintermann & Weber SA (2021): Effekt einer Vornutzung auf die Artengemeinschaft von Flachmooren und Trockenwiesen, Schweiz.
Walter et al (2007) Schnittzeitpunkte in Ökowiesen: Einfluss auf die Fauna, Agrarforschung 14 (3): 114-119, Schweiz.

