Wenn Menschen Biber spielen
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Künstliche Biberdämme halten Wasser in der Landschaft zurück. In Winterthur hat das Naturnetz mit der Stadt erste solche Strukturen gebaut. Was nach dem beliebten Kinderspiel “Bachstauen” aussieht, könnte eine wichtige Methode für die Schwammlandschaft der Zukunft werden.
Ein Bach, der schnell abfliesst, ist oft kein guter Bach. Zumindest nicht aus Sicht der Natur. Über Jahrzehnte haben wir Landschaften darauf getrimmt, Wasser möglichst rasch loszuwerden. Moore wurden entwässert, Feuchtwälder trockengelegt, Bäche begradigt, eingetieft oder in enge Gerinne gezwängt. Was früher als Fortschritt galt, fällt uns heute auf die Füsse. Nach Starkregen rauscht das Wasser davon. In Trockenperioden fehlt es im Boden und im Grundwasser, im Wald, in der Stadt und in den Feuchtgebieten. Genau dort, wo Amphibien laichen, Libellenlarven leben, Wasserinsekten schlüpfen und Wurzeln Feuchtigkeit finden müssten.
Die Natur hat eine Antwort auf diese Problematik:. Sie hat braunes Fell, grosse Zähne und baut seit Jahrtausenden an unseren Gewässern.
Der Biber.
Der Biber als Baumeister

Der Biber (Castor fiber) verändert Bäche und ganze Landschaften radikaler als fast jede andere Tierart Europas und Nordamerikas. Er fällt Bäume, staut Wasser, gräbt Kanäle, schafft Teiche, Lichtungen, Totholz und nasse Übergänge zwischen Bach und Ufer. Was aus Sicht mancher Landnutzung wie Unordnung aussieht, ist aus Sicht vieler Arten ein Glücksfall, ein Lebensraum!
Ein aktueller Synthesebericht des BAFU nennt den Biber einen «Ökosystem-Ingenieur». In vom Biber beeinflussten Gewässerabschnitten wurden im Durchschnitt 2,6-mal mehr Arten und 5,9-mal mehr Individuen gefunden als in vergleichbaren Kontrollstrecken. Wo der Biber sein volles Potenzial entfalten kann, lagen die Werte sogar noch deutlich höher.
Besonders stark profitieren Feuchtgebietsarten. In den untersuchten Biberrevieren wurden Amphibien in 87,5 Prozent der Gebiete beobachtet, in Kontrollstrecken nur in 25 Prozent. Gefunden wurden unter anderem Grasfrosch (Rana temporaria), Erdkröte (Bufo bufo), Laubfrosch (Hyla arborea), Fadenmolch (Lissotriton helveticus) und Bergmolch (Ichthyosaura alpestris). Auch Libellen reagieren stark: In Biberrevieren wurden 30 Libellenarten festgestellt, in den Kontrollstrecken 16.
Der Biber baut also nicht einfach Dämme. Er baut Lebensräume.

Nur ist er nicht überall dort, wo seine Wirkung heute gebraucht würde. Manche Bäche sind zu stark verbaut, zu isoliert, zu arm an Gehölzen oder liegen in Bereichen, die der Biber noch nicht erreicht hat. Genau hier kommt eine Methode ins Spiel, die in Nordamerika schon länger genutzt wird und in der Schweiz erst langsam ankommt: Beaver Dam Analogs, kurz BDA.
Was sind Beaver Dam Analogs?
Beaver Dam Analogs sind künstliche Biberdämme, eigentliche Generika. Nicht aus Beton, nicht als starre Sperre, sondern als naturnahe Querstrukturen aus Holz, Ästen, Erde, Steinen und Bachmaterial. Sie imitieren die Wirkung eines Biberdamms, ohne dass ein Biber vor Ort sein muss.
Der Grundgedanke ist einfach: Eingetiefte Bäche sollen wieder stärker mit ihrem Umland verbunden werden. Statt Wasser in einem tiefen Graben schnell abzuleiten, wird es gebremst, leicht angehoben, verteilt und länger in der Landschaft gehalten.
Ein BDA ist keine Mini-Staumauer. Er ist durchlässig, veränderbar und Teil eines dynamischen Systems. Wasser darf durchsickern, überlaufen, seitlich ausweichen. Sedimente bleiben hängen. Die Bachsohle kann sich mit der Zeit anheben. Uferbereiche werden feuchter. Aus einem eingeschnittenen Gerinne kann wieder ein lebendiger Übergangsraum entstehen. Oder einfacher gesagt: Der Bach bekommt wieder Kontakt zu seiner Landschaft.

Warum das für die Schwammlandschaft wichtig ist
Das Regenwasser soll nicht möglichst schnell verschwinden, sondern dort bleiben, wo es fällt. Es soll versickern, verdunsten, kühlen, Böden nähren, Grundwasser bilden und Lebensräume stabilisieren.
Winterthur arbeitet bereits mit diesem Prinzip. Die Stadt beschreibt die Schwammstadt als Ansatz, bei dem Regenwasser vor Ort gespeichert wird, die Kanalisation entlastet und die Umgebung gekühlt wird. Am Eschenberg wird dieser Gedanke aus der Stadt hinaus in Wald und Landschaft übertragen: Bachaufwertung, eingestaute Entwässerungsgräben, wieder vernässte Waldstandorte und künstliche Biberdämme sollen Wasser länger zurückhalten.
Künstliche Biberdämme passen super in dieses Konzept, weil sie mehrere Probleme gleichzeitig angehen: Sie bremsen den Abfluss. Sie helfen, Wasser im Boden zu halten. Sie schaffen kleine Stillwasserbereiche. Sie fördern die Versickerung. Sie kühlen die Landschaft duech die Verdunstung. Sie bringen Totholz und Struktur in monotone Bachläufe. Sie können Trockenphasen abfedern und bei Starkregen Wasser zurückhalten. Und sie tun das mit einfachen Mitteln, mit Material aus der Umgebung und ein bisschen Handarbeit.
Das ist kein Ersatz für grosse Revitalisierungen. Aber es ist ein starkes Werkzeug für kleinere Bäche, Waldstandorte, feuchte Senken und Landschaften, in denen mit wenig baulichem Aufwand viel ausgelöst werden kann.

Das Projekt in Winterthur
In Winterthur wurde diese Idee praktisch umgesetzt. Am Tössertobelbach, etwas oberhalb der Kantonsschule Rychenberg, entstanden im Auftrag des Tiefbauamtes der Stadt Winterthur Ende November und Anfang Dezember 2025 vier künstliche Biberdämme auf rund 100 Metern Bachlänge. Das Land dafür wurde hälfdtig von der Stadt Winterthur und von der Volkart Stiftung zur Verfügung gesdtellt. Der bisher kanalisierte Bach wurde durch die Entfernung von Betonröhren teilweise renaturiert. Die Arbeiten wurden durch den Verein Naturnetz mit Zivildienstleistenden ausgeführt. Die Bepflanzung erfolgte mit standortgerechten Arten im Rahmen eines Umweltbildungs-Einsatzes in Zusammenarbeit mit der Kantonsschule Rychenberg und unter Anleitung von Spezialisten vom Naturnetz. Fachlich begleitet wurde der Bau durch die HOLINGER AG.
Das Naturnetz als Umsetzungspartner vereint viele Aspekte, die zum Gelingen eines solchen Projektes beitragen: Ökologisches Wissen, handwerkliches Geschick, viele Hände und alles notwendige Werkzeug. Unsere Zivis verankerten Robinienpfähle in den Bachboden, verflochten Weidenruten, dichteten die Strukturen mit Lehm und Bachmaterial ab und bauten die Dämme so, dass sie den Bach nicht blockieren, sondern wieder arbeiten lassen. Links und rechts der Dämme wurde Platz für Überlaufe gelassen. Bereits wenige Stunden nach der Fertigstellung waren die rund 50 Zentimeter tiefen Aufstauungen gefüllt.
Mit dem Bau war das Projekt aber nicht abgeschlossen. Am 11. Mai 2026 kehrte das Naturnetz mit einer Klasse der Kantonsschule Rychenberg an den Tössertobelbach zurück. Rund 20 Schülerinnen und Schüler des 6. Gymnasiums halfen dabei, die frisch geschaffenen Strukturen weiter aufzuwerten. Gemeinsam wurden Heu zusammengerecht, rund 400 Setzlinge gepflanzt und Algenschichten entfernt.
So wird aus der wasserbaulichen Initialmassnahme ein vielfältigerer Lebensraum: Die Pflanzen stabilisieren die Ufer und der Bach erhält mehr Struktur. Am Tössertobelbach zeigt sich damit im Kleinen, worum es bei Schwammlandschaften geht: Wasser zurückhalten, Lebensräume schaffen und Naturprozesse wieder in Gang bringen.
Wer profitiert?
Am sichtbarsten profitieren Amphibien. Für Feuersalamander (Salamandra salamandra), Grasfrosch (Rana temporaria), Erdkröte (Bufo bufo) und andere Arten können langsam fliessende oder stehende Kleingewässer entscheidend sein. Nicht jeder künstliche Biberdamm wird sofort zum Amphibienparadies. Aber er schafft die Grundlagen für einen neuen Lebensraum, die vielerorts verloren gegangen sind: Wasser, Deckung, Feuchtigkeit, flache Ufer, Struktur.
Auch Libellen profitieren von solchen Veränderungen. Viele Arten brauchen Gewässer, in denen ihre Larven leben können. Wo ein Bach nur schnell abfliesst, hart verbaut ist oder im Sommer trockenfällt, wird es schwierig. Wo kleine Stauräume, flache Ränder und Pflanzenstrukturen entstehen, öffnen sich neue Möglichkeiten.
Dazu kommen Wasserinsekten wie Köcherfliegen (Trichoptera), Eintagsfliegen (Ephemeroptera) und wasserbewohnende Käfer. Viele dieser Arten reagieren empfindlich auf Strömung, Substrat, Sauerstoff, Totholz und Sediment. Ein strukturreicher Bach bietet ihnen mehr Nischen als ein glatter Wassergraben.
Und dann ist da noch der Boden. Wenn Wasser länger im Gebiet bleibt, steigt die Chance, dass es versickert. Das kann lokale Grundwasserneubildung fördern, Böden feuchter halten und die Umgebung in Hitzeperioden kühlen. Biberfeuchtgebiete können zudem Kohlenstoff speichern, und der Biber wirkt laut BAFU auch auf Wasserqualität und Hydrologie, indem seine Dämme Rückhaltebecken schaffen, Wasser zurückhalten und die Neubildung von Grundwasser begünstigen.
Künstliche Biberdämme ahmen diese Wirkung nicht vollständig nach. Ein echter Biber pflegt, repariert und verändert sein Revier ständig. Aber BDA können eine Initialzündung sein. Manchmal vielleicht sogar eine Einladung an den Biber, später selbst weiterzubauen.
Sind künstliche Biberdämme die Zukunft?
Sie sind sicher nicht die Lösung für jedes Gewässer. Gerade in der dicht genutzten Schweiz müssen Standorte sorgfältig geprüft werden. Rückstau darf keine Gebäude, Wege, Drainagen oder wertvolle Nutzflächen gefährden. Auch Hochwasserschutz, Unterhalt, Fischgängigkeit, Geschiebe und angrenzende Nutzungen müssen mitgedacht werden.
Ein Fachartikel in Aqua & Gas betont deshalb, dass BDA in der Schweiz standortspezifisch geplant, bewilligt, umgesetzt und beobachtet werden müssen. Geeignet sind vor allem Bereiche ausserhalb der Bauzone, etwa Naturschutzgebiete, extensiv genutzte Landwirtschaftsflächen und Waldstandorte.
Genau darin liegt aber auch ihre Stärke. Künstliche Biberdämme sind planbar. Im Unterschied zum Biber kann man Lage, Höhe und Ausdehnung vorab festlegen. Man kann klein anfangen, Erfahrungen sammeln, nachbessern und beobachten, wie sich der Bach entwickelt.
In der Schweiz gibt es bislang erst wenige öffentlich sichtbare Beispiele. Neben Winterthur gibt es Projekte im Kanton Aargau, im Kanton Bern und im Thurgau. Das macht die Winterthurer Arbeiten nicht einzigartig, aber früh, mutig und fachlich spannend. Für das Naturnetz ist das ein sehr spannender Ansatzpunkt: Die Methode ist bekannt genug, um ernst genommen zu werden, aber noch neu genug, dass jedes sauber umgesetzte Projekt wertvolle Erfahrung bringt.
Warum wir mehr solche Projekte brauchen
Die Schweiz hat viele kleine Bäche. Viele davon sind unscheinbar. Sie fliessen durch Wälder, Wiesen, Tobel, Siedlungsränder und Landwirtschaftsflächen. Gerade diese kleinen Gewässer entscheiden aber mit, ob Landschaften austrocknen oder Wasser halten, ob Amphibien wandern können, ob Libellen Lebensräume finden, ob Wälder besser durch Hitzesommer kommen.
Künstliche Biberdämme erinnern uns an etwas, das im modernen Wasserbau oft vergessen ging: Ein Bach ist keine Leitung. Er ist ein Lebensraum. Und ein Lebensraum darf bremsen, ausufern, sickern, mäandrieren, Material sammeln, sich verändern.
Am Tössertobelbach ist kein fertiger solcher Lebensraum entstanden, aber ein Anfang. Nicht gegen die Natur. Sondern so, wie sie es selbst tun würde.
Autoren: Dr. Marco Sacchi & Simon Gisler

























