top of page

Gemeinsam mehr erreichen – wie aus guten Ideen erfolgreiche Umweltbildungs- & Naturschutzprojekte werden

vor 10 Stunden
8 Min. Lesezeit

Als ich klein war und Schlagzeug spielte, stellte ich mir oft vor, Teil einer Band zu sein und die Menschen mit unserer Musik zum Tanzen zu bringen. Dabei fragte ich mich immer wieder: Warum ist es eigentlich so schwierig, andere Musiker zu finden, die mit mir zusammenspielen wollen?


Eines Tages lud mich plötzlich ein Gitarrist, den ich über gemeinsame Freunde kennengelernt hatte, in seinen Proberaum ein. Mein Traum wurde Wirklichkeit! Doch kaum war die Band gegründet, tauchten schon die nächsten Fragen auf: Wie findet man eine Bühne? Wie viel Gage kann man verlangen? Welche technische Ausrüstung müssen wir selbst mitbringen und was stellt der Veranstalter zur Verfügung?

Die Zeit verging und nach und nach fand ich Antworten auf all diese Fragen. Allerdings nicht allein. Ich hatte das Glück, dass mir die Menschen in meinem Umfeld weiterhalfen. Eine Barbesitzerin, die uns für einen Auftritt engagieren wollte, schlug uns beispielsweise eine angemessene Gage vor. Andere Musiker erklärten mir, welche Ausrüstung man selbst mitbringen sollte und was man vom Veranstalter erwarten durfte.


Je mehr ich mich umsah, desto deutlicher wurde mir: Die Antworten waren eigentlich schon da. Man musste sie nur finden.

Viele Jahre später fühlte ich mich wieder wie dieser Junge voller Fragen, als ich zum ersten Mal Projekte im Bereich Umweltbildung und Freiwilligeneinsätze für Naturnetz organisieren sollte.


Die Ziele meiner Arbeit waren klar:


  • Wirtschaftlich tragfähige Natur- und Umweltbildungsprojekte für Schulen und Unternehmen organisieren.

  • Einen positiven Beitrag zur Biodiversität und zum Naturschutz leisten.

  • Eine fachgerechte Durchführung der Arbeiten gewährleisten.

  • Den Teilnehmenden qualitativ hochwertige Umweltbildung bieten.

  • Partner finden, die bereit sind, gemeinsam mit uns Projekte umzusetzen.

 

Doch wie lassen sich all diese Ziele erreichen?


Zum Glück konnte ich auf eine wichtige Erkenntnis aus meiner Zeit als Schlagzeuger zurückgreifen: Um ein Projekt auf die Beine zu stellen, muss man nicht bei null anfangen oder alles allein machen. Oft reicht es, sich umzusehen und Menschen zu finden, die ähnliche Ziele verfolgen – und denen vielleicht nur noch ein Schlagzeuger fehlt, um ihre Band zu gründen!


Meine Aufgabe bestand also darin, mögliche Synergien zwischen den verschiedenen Akteuren und bereits vorhandenen Ressourcen im Umweltbildungs- und Naturschutzbereich zu erkennen und miteinander zu verbinden.

Natürlich verfügte Naturnetz als langjährig tätige Naturschutzorganisation bereits über einige dieser Ressourcen. Andere mussten wir jedoch erst finden.


Was brauchten wir also?


  • Eine Band: Eine motivierte und eingespielte Gruppe von Freiwilligen.

  • Eine Bühne: Naturräume, die Pflege und Schutz benötigen.

  • Eine Gage: Finanzielle Mittel, welche die Kosten für die Organisation und Durchführung der Einsätze sowie die Umweltbildung decken.

  • Professionelle Musiker: Fachpersonen aus Naturschutz und Umweltbildung, die geeignete Arbeiten definieren, die Qualität der Bildungsinhalte sicherstellen und die Projekte fachgerecht umsetzen.

 

Wie ihr vielleicht schon ahnt, geht es in diesem Artikel genau um diese Synergien zwischen Umweltbildung und Freiwilligeneinsätzen im Naturschutz.

Zunächst schauen wir uns an, welche Akteure dabei eine Rolle spielen und was sie beitragen können. Anschliessend beleuchten wir die wichtigsten Herausforderungen, die einer Zusammenarbeit im Weg stehen, und zeigen mögliche Lösungsansätze auf.


 

Die wichtigsten Akteure in der Umweltbildung


Umweltbildungsprojekte verfolgen mehrere Ziele gleichzeitig: Einerseits sollen sie durch praktische Naturschutzarbeiten einen positiven ökologischen Beitrag leisten. Andererseits sollen die Teilnehmenden durch die Auseinandersetzung mit diesen Arbeiten etwas über die Natur und ihre Zusammenhänge lernen.

Entsprechend müssen solche Projekte unterschiedliche Erwartungen erfüllen.

Auf der einen Seite stehen Auftraggeber und Geldgeber, die vor allem an der fachgerechten Umsetzung der Naturschutzarbeiten interessiert sind. Auf der anderen Seite stehen Schulen und Freiwilligengruppen, die zwar ebenfalls einen praktischen Beitrag leisten möchten, gleichzeitig aber verstehen wollen, weshalb ihre Arbeit für die Natur wichtig ist. Und dazwischen stehen wir als Projektorganisatoren.


Die wichtigsten Akteure bei Freiwilligeneinsätzen im Naturschutz


  • Forstämter und öffentliche Institutionen - Sie kennen die ökologischen Prioritäten einer Region, koordinieren Massnahmen, stellen die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben sicher und verfügen über das nötige Fachpersonal für anspruchsvollere Arbeiten.


  • Umweltorganisationen - Sie übersetzen die Bedürfnisse der Natur in konkrete Projekte, übernehmen die Organisation und Logistik und bringen verschiedene Partner zusammen. Dabei verbinden sie praktische Naturschutzarbeit mit Umweltbildung.


  • Schulen - Sie bringen motivierte Gruppen mit, ermöglichen jungen Menschen, ihre Umgebung besser kennenzulernen, und betten die praktische Arbeit in einen pädagogischen Rahmen ein. Mit ihrer Zeit, Energie und Arbeitskraft machen sie Einsätze möglich, die sonst vielleicht nie umgesetzt würden.


  • Grundeigentümer, Landwirtschaftsbetriebe und lokale Akteure -

    Sie kennen die örtlichen Gegebenheiten, erkennen dringenden Handlungsbedarf und sorgen dafür, dass die durchgeführten Massnahmen langfristig weitergeführt werden.


  • Geldgeber - Stiftungen sowie öffentliche und private Institutionen stellen die finanziellen Mittel zur Verfügung, die für eine professionelle Organisation und Durchführung der Projekte notwendig sind.

 

Die eigentliche Herausforderung für unsere Organisation besteht darin, diese unterschiedlichen Akteure miteinander zu vernetzen. Oft bestehen zwischen ihnen kaum direkte Kontakte und ihre Interessen und Ziele unterscheiden sich.

Damit eine Zusammenarbeit langfristig funktioniert, müssen jedoch alle Beteiligten einen Mehrwert darin erkennen.


Entscheidend ist deshalb, herauszufinden, wer über die notwendigen Ressourcen und Kompetenzen verfügt und welche erst noch aufgebaut werden müssen. Falls Letzteres notwendig ist, gilt es, dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.


Und so machen wir uns auf die Suche:


  • Nach geeigneten Einsatzgebieten, in denen Naturschutzarbeiten anfallen, die auch von Personen ohne spezielle Fachkenntnisse durchgeführt werden können.

  • Nach Fachpersonen aus dem Umweltbereich, die festlegen, welche Massnahmen sinnvoll und notwendig sind.

  • Nach Möglichkeiten, die Logistik vor Ort zu organisieren.

  • Nach Auftraggebern, die nicht nur an der Erledigung der Arbeiten interessiert sind, sondern auch bereit sind, Zeit für die Umweltbildung einzuplanen – selbst wenn dadurch weniger praktische Arbeit geleistet werden kann.

  • Nach geeigneten Unterrichtsmaterialien, die auf die jeweiligen Zielgruppen abgestimmt sind oder eigens entwickelt werden müssen.

  • Nach finanziellen Mitteln, um die Kosten aller beteiligten Fachpersonen zu decken.

  • Nach Kommunikationswegen, die alle Beteiligten miteinander verbinden. Denn nicht immer finden diejenigen, die gerne mithelfen möchten, auch jene, die Unterstützung benötigen.

 

Ein konkretes Beispiel: Ein Umweltbildungsprojekt im Bleniotal

Stellen wir uns eine typische Situation vor: Eine Primarschule aus dem Bleniotal kontaktiert Naturnetz, weil sie gerne ein Naturschutzprojekt in ihrer Region durchführen möchte.

Welche Personen müssen wir nun kontaktieren und welche Ressourcen benötigen wir?


1. Lokale Akteure und Einsatzgebiet – die Bühne

Wer kann geeignete Arbeiten anbieten?

Wir klären ab, ob die Gemeinde, das Patriziat oder ein lokaler Landwirtschaftsbetrieb über eine Fläche verfügt, auf der sinnvolle Naturschutzarbeiten durchgeführt werden können. Dabei müssen die Arbeiten zum Alter und zur Anzahl der Schülerinnen und Schüler passen.


Wer bereitet den Einsatz vor?

Wir prüfen, ob der lokale Werkdienst die notwendigen Vorbereitungsarbeiten übernehmen kann oder ob wir diese selbst durchführen müssen.


2. Finanzierung – die Gage

Wer übernimmt die Kosten für die Fachpersonen?

Wir klären, ob die Finanzierung durch die Gemeinde, einen kantonalen Fonds oder eine private Stiftung erfolgen kann.


Wer finanziert die Umweltbildung?

Wir stellen sicher, dass die Geldgeber bereit sind, auch die Zeit für die Umweltbildung zu finanzieren. Diese Zeit mag aus Sicht der praktischen Naturschutzarbeit zunächst «unproduktiv» erscheinen, ist für die Schule und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler jedoch von zentraler Bedeutung. Deshalb wenden wir uns beispielsweise an Stiftungen, kantonale Fachstellen oder Förderprogramme, die Bildungsprojekte unterstützen.


3. Fachliche und pädagogische Begleitung – die professionellen Musiker

Wer leitet die Arbeiten und die Umweltbildungssequenzen?

Wir prüfen, ob wir als Organisation die vorgesehenen Arbeiten selbst fachgerecht begleiten können oder ob zusätzliche externe Fachpersonen benötigt werden.

Falls notwendig, entwickeln wir passende Unterrichtsmaterialien, um die praktischen Arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern altersgerecht zu thematisieren.


4. Freiwillige – die Band

Wer führt die Arbeiten aus?

Wir klären, ob die Freiwilligengruppe für die vorgesehenen Arbeiten geeignet ist. Kann sie den Einsatzort selbstständig erreichen oder müssen wir den Transport organisieren? Welche Ausrüstung und Unterstützung benötigt sie?

Unser Ziel ist es, die praktischen Arbeiten zugänglich, attraktiv und lehrreich zu gestalten und dabei auch den Spass nicht zu kurz kommen zu lassen.

So bringen wir Menschen, die sich für die Natur engagieren möchten, mit jenen zusammen, die Unterstützung bei der Pflege wertvoller Lebensräume benötigen.

Die Aufgabe von Organisationen wie Naturnetz besteht letztlich darin, aus einem scheinbaren Chaos an Fragen und Anforderungen ein konkretes Projekt entstehen zu lassen. Wir fördern die Kommunikation, übernehmen die Organisation und ermöglichen den Austausch zwischen Akteuren, die sonst möglicherweise nie miteinander in Kontakt gekommen wären.



Freiwilligeneinsätze langfristig ermöglichen: Herausforderungen und Lösungsansätze

Ein solches Netzwerk aufzubauen, ist nicht immer einfach.

Während sich einzelne, punktuelle Einsätze noch vergleichsweise gut organisieren lassen, ist es deutlich anspruchsvoller, daraus langfristige und regelmässig stattfindende Projekte zu entwickeln.

Genau das ist jedoch unser Ziel: Wir möchten ergänzende Naturschutzarbeiten langfristig ermöglichen und möglichst vielen Menschen die Gelegenheit geben, durch praktische Erfahrungen ein stärkeres Umweltbewusstsein zu entwickeln.

Dabei stossen wir vor allem auf drei Herausforderungen.


1. Die finanzielle Herausforderung – die unsichtbaren Kosten

Das Problem

Die Organisation und Koordination von Freiwilligeneinsätzen verursacht erhebliche Kosten. Dazu gehören beispielsweise Besichtigungen vor Ort, Logistik, Werkzeuge, Transporte, die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und die Abstimmung zwischen den verschiedenen Beteiligten.


Die Ursache

Lokale Auftraggeber wie kleinere Berggemeinden, Landwirtschaftsbetriebe oder Patriziate verfügen häufig nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um sämtliche Projektkosten zu tragen. Besonders die pädagogische Begleitung lässt sich oft nur schwer finanzieren.


Unser Lösungsansatz

Naturnetz übernimmt eine vermittelnde Rolle und sucht nach zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten bei Stiftungen und öffentlichen oder privaten Institutionen.

So können die verschiedenen Kostenbereiche – Organisation, praktische Durchführung und Umweltbildung – gemeinsam abgedeckt werden.


2. Die Herausforderung der Sichtbarkeit – wenn Angebot und Nachfrage nicht zusammenfinden


Das Problem

Menschen und Organisationen, die Unterstützung bei der Pflege ihrer Flächen benötigen, wissen häufig nicht, an wen sie sich wenden können.

Gleichzeitig wissen Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten, oft nicht, wo geeignete Projekte stattfinden.


Die Ursache

Obwohl auf beiden Seiten Interesse an einer Zusammenarbeit besteht, kommen die Beteiligten häufig nicht miteinander in Kontakt. Dadurch wird die Organisation gemeinsamer Projekte unnötig aufwendig.


Unser Lösungsansatz

Naturnetz arbeitet seit Jahren daran, ein Netzwerk aus Partnern aufzubauen und langfristige Vertrauensbeziehungen zu pflegen.

Jedes erfolgreich durchgeführte Projekt kann dabei neue Kontakte schaffen und durch persönliche Empfehlungen weitere Kooperationen ermöglichen.

Wo ausreichende finanzielle Mittel vorhanden sind, können auch gezielte Werbekampagnen helfen, neue Partner und Freiwillige zu erreichen.


3. Die fachliche Herausforderung – unterschiedliche Kompetenzen vereinen


Das Problem

Praktische Naturschutzarbeit und Umweltbildung miteinander zu verbinden, erfordert unterschiedliche fachliche Kompetenzen.

Einerseits müssen die Arbeiten ökologisch sinnvoll und fachgerecht durchgeführt werden. Andererseits sollen die Teilnehmenden die Zusammenhänge verstehen und aus ihren Erfahrungen lernen können.


Die Ursache

Freiwillige und Geldgeber erwarten ganzheitliche Projekte, die über reine körperliche Arbeit hinausgehen.


Unser Lösungsansatz

Wir setzen auf einen integrierten Ansatz, der praktische Naturschutzarbeit und Umweltbildung miteinander verbindet. Je besser es einer Organisation gelingt, ihre fachlichen und pädagogischen Kompetenzen zu vereinen und unter Beweis zu stellen, desto attraktiver werden ihre Projekte für alle Beteiligten.



Gemeinsam mehr erreichen – die Vorteile einer starken Zusammenarbeit

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass die Arbeit von Organisationen wie Naturnetz noch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung erhält.

Als gemeinnütziger Verein verfolgen wir nicht nur das Ziel, einzelne Naturschutzmassnahmen umzusetzen. Wir möchten auch Menschen und Organisationen miteinander verbinden, Synergien schaffen und dadurch das Umweltbewusstsein in der Gesellschaft stärken.

Gerade in einer Zeit, in der Natur und Landschaft zunehmend unter Druck stehen, sind stabile und langfristige Kooperationen in vielerlei Hinsicht von grosser Bedeutung.


Für die Natur

Eine gute Zusammenarbeit ermöglicht es,

  • notwendige Naturschutzarbeiten durchzuführen, die sonst möglicherweise nicht umgesetzt würden.

  • wertvolle und seltene Lebensräume langfristig zu erhalten und zu schützen.

  • vorhandene Ressourcen in einer Region möglichst sinnvoll einzusetzen.


Für die Freiwilligen

Die Teilnahme an solchen Projekten ermöglicht es ihnen,

  • durch praktische Erfahrungen direkt in der Natur zu lernen.

  • ihre eigene Umgebung und deren ökologische Zusammenhänge besser kennenzulernen.

  • wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Arbeit zu verbinden.

  • ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur und ihrer Umgebung zu entwickeln.


Für alle beteiligten Akteure

Die Zusammenarbeit bietet die Möglichkeit,

  • Wissen, Kompetenzen, Werkzeuge und Ressourcen miteinander zu teilen.

  • Kosten für Organisation und Logistik zu reduzieren.

  • langfristige und verlässliche Partnerschaften aufzubauen.

  • komplexe Projekte umzusetzen, die einzelne Organisationen allein nicht realisieren könnten.


Natürlich kann eine einzelne Organisation diese Ziele nicht allein erreichen. Und wir wären vermessen, etwas anderes zu behaupten. Umso erfreulicher ist es, dass zahlreiche weitere Organisationen, Vereine und Institutionen ähnliche Ziele verfolgen.

Dazu gehören beispielsweise Pro Natura, Grünwerk, WWF, éducation21, kantonale Fachstellen und viele kleinere Vereine, die sich für den Schutz von Natur und Landschaft einsetzen. Wir hoffen deshalb, dass sich die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren in Zukunft noch weiter vertieft und ein starkes Netzwerk entsteht, das eines besonders gut kann:


Menschen zusammenbringen, damit sie gemeinsam etwas bewegen können.

 

Autore: Sergio Tringale

 

 
 
bottom of page