Amphibien auf Wanderschaft – Mit dem Zaun gegen den Strassentod
- vor 12 Stunden
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Millionen Amphibien sterben jedes Jahr auf Schweizer Straßen. Besonders während ihrer Frühlingswanderung werden Straßen zu gefährlichen Barrieren. Gemeinsam mit dem Parc Ela und der Renatura GmbH haben wir deshalb an der A29 einen Amphibienzaun errichtet und über 100 Tiere sicher über die Strasse geleitet.
Ein eher ungewöhnlicher Ort, um für den Naturschutz im Einsatz zu sein, ist mein erster Gedanke, als wir am Rande der A29 stehen und die Autos reihenweise an uns vorbei donnern. Was gibt es bei all dem Asphalt und Beton auf diesem kargen Randstreifen denn zu schützen?
Erst beim genaueren Hinsehen fallen die dunklen Flecken entlang der Strasse auf: die kaum noch erkennbaren Überreste von Fröschen, Kröten und Molchen. Hier verläuft eine wichtige Wanderroute von Amphibien auf dem Weg von ihren Winterquartieren zu den Laichgewässern, erklären uns Julia und Renata von der Renatura GmbH. Für die Tiere wird die viel befahrene Strasse dabei schnell zur tödlichen Barriere. Genau deshalb stehen wir heute hier – mit meterlangen Planen, Eimern und jeder Menge Werkzeug im Gepäck. Wir bauen einen Amphibienzaun.
Die Wanderung
Die meisten Amphibien legen im Frühjahr weite Strecken zwischen ihren Lebensräumen zurück. Nach der Winterruhe wandern sie zu ihren Laichgewässern, wo sie ihre Eier ablegen. Besonders wichtig sind dafür Feuchtgebiete, denn nur dort können sich ihre Eier zu Kaulquappen und schliesslich zu jungen Amphibien entwickeln.
Doch genau diese Lebensräume sind selten geworden. Durch Bebauung und intensive Landwirtschaft wurden in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert rund 90 % der Feuchtgebiete zerstört. Gleichzeitig zerschneiden Strassen und Siedlungen die verbliebenen Lebensräume. Auf ihren Wanderungen müssen Amphibien diese Barrieren jedes Jahr erneut überwinden, mit fatalen Folgen: Allein auf Schweizer Strassen sterben jährlich Millionen Amphibien.
Der Verlust ihrer Lebensräume sowie die Hürden auf ihren Wanderrouten führen zu enormen Rückgängen in den Beständen. Die einheimischen Amphibienarten sind in der Schweiz daher geschützt und 14 der 19 einheimischen Arten wurden als gefährdet eingestuft. Besonders kritisch sind sogenannte Zugstellen – Strassenabschnitte, an denen viele Tiere gleichzeitig queren. In Graubünden sind derzeit 54 solcher Stellen bekannt. Eine davon liegt an der A29 zwischen Burvagn und Cunter im Parc Ela. Entlang des rund einen Kilometer langen Abschnitts wurden in den vergangenen Jahren immer wieder überfahrene Amphibien gemeldet. Gleichzeitig hat der Parc Ela in der Umgebung Weiher gepflegt und Lebensräume für Grasfrosch, Erdkröte und Bergmolch aufgewertet. Geeignete Lebensräume sind also vorhanden – nur der Weg dorthin bleibt gefährlich.
Der Zaun
Eine Massnahme, um solche Zugstellen zu sichern, ist die Aufstellung von Amphibienzäunen. Wir treffen uns an der A29 zwischen Burvagn und Cunter um die mögliche Amphibienzugstelle zu sichern. Gemeinsam errichten wir einen rund einen Kilometer langen Amphibienzaun. Zusätzlich wurden entlang des Zauns Eimer eingegraben. Die Amphibien wandern am Zaun entlang, bis sie in einen der Eimer gelangen. Von dort werden sie sicher auf die andere Strassenseite gebracht – gewissermassen per Amphibien-Taxi. Kleine Stöckchen in den Eimern sorgen ausserdem dafür, dass andere Tiere wie Mäuse wieder hinaus klettern können. Die Eimer wurden täglich am Morgen und zur Dämmerung kontrolliert.
Ca. drei Wochen später haben wir uns erneut bei strahlendem Sonnenschein an der A29 versammelt. Diesmal, um den Zaun abzubauen. Und das ging wirklich um einiges schneller als der doch etwas mühsame Aufbau. Wir sind aber vor allem gespannt, was Livio vom Parc Ela uns über die letzten Wochen am Zaun berichten kann.
Zu unserer grossen Freude wurden über 100 Tiere sicher auf die andere Strassenseite geleitet. Hauptsächlich weibliche Erdkröten und Bergmolche haben den Transfer in Anspruch genommen. Gleichzeitig zeigte das Monitoring aber auch, wie schwierig der richtige Zeitpunkt für den Aufbau ist. Die Wanderungen der Arten beginnen unterschiedlich früh: Grasfrösche machen sich oft bereits im Februar auf den Weg, während Erdkröten und Bergmolche meist erst im März folgen. Die übereifrigen Grasfrösche waren zu früh dran und haben den sicheren Transport über die Strasse grösstenteils verpasst.
Die Rückwanderung verläuft deutlich weniger gebündelt als die Wanderung im Frühjahr. Während viele Tiere im Frühling gleichzeitig zu den Laichgewässern ziehen, verteilen sich die Rückwanderungen über mehrere Monate. Bergmolche bleiben teilweise bis in den Juni im Wasser, Grasfrösche und Erdkröten treten ihre Reise schon ab Ende März an. Zudem verweilen die Männchen vieler Arten länger im Laichgewässer als die Weibchen, um ihre Paarungschancen zu erhöhen. Da nicht jedem Tier sein eigenes Taxi gerufen werden kann, wird der Zaun inklusive Transportdienst nur für die grosse Wanderung im Frühjahr aufgestellt. Denn wenn der Zaun steht, müssen auch die Eimer kontrolliert werden und eine so zeitintensive Arbeit kann leider nur für einen kurzen Zeitraum gewährleistet werden.
Fazit
Trotzdem hat unser Zaun insgesamt eine grosse Wirkung gezeigt und über 100 Amphibien sicher auf die andere Strassenseite gebracht. Wirklich ein schönes Gefühl, dass der Einsatz hier wortwörtlich Leben gerettet hat. Doch eine Dauerlösung ist das sicher nicht. Vor allem der Aufbau ist ein grosser Aufwand und es wird immer nur ein Teil der wandernden Amphibien erreicht. Wir drücken also die Daumen, dass das Monitoring zur Findung einer langfristigen Lösung beiträgt und die Amphibien künftig durch Tunnel, Brücken oder neue Ideen sicher auf die andere Strassenseite gelangen.
Quellen
Bundesamt für Umwelt (2022): Amphibienlaichgebiete. https://www.bafu.admin.ch/de/amphibienlaichgebiete.
Amt für Natur und Umwelt (2026): Amphibienlaichgebiete in Graubünden. https://www.gr.ch/DE/institutionen/verwaltung/ekud/anu/themen/biodiversitaet/lebensraeume/Seiten/amphibien.aspx.
Schweizer Tierschutz STS (2017): Wandernde Amphibien brauchen unseren Schutz. https://www.tierschutzlinth.ch/files/userdata/filemanager/data/Infos%20PDF/Wandernde%20Amphibien.pdf.
Infofauna (2026): Einleitung Amphibienförderung. https://www.infofauna.ch/de/beratungsstellen/amphibien-karch/foerderung/einleitung#gsc.tab=0.
Infofauna (2026): Schutzmassnahmen. https://www.infofauna.ch/de/nationale-koordinationsstellen/amphibien-karch/schutz/schutzmassnahmen#gsc.tab=0.
Infofauna (2026): Amphibienwanderung. https://www.infofauna.ch/de/nationale-koordinationsstellen/amphibien-karch/wanderung/amphibienwanderung#gsc.tab=0.
Pronatura (o.J.): Amphibien: Wie können bedrohte Frösche, Kröten und Molche überleben? https://www.pronatura.ch/de/amphibien
Pro natura (2023): Frösche & co. Ein leben zwischen Wasser und Land. https://www.pronatura.ch/sites/pronatura.ch/files/2025-06/unterrichtshilfe-froesche-und-co.pdf
renatura GmbH (2025): Einsatzplanung Aufbau Amphibienzugstelle Ruantschi.



















